Drei Wege zum Verständnis von Peter Handkes Serbien-Texten

ESSAY. Peter Handkes Engagement für Jugoslawien ist nicht monokausal zu erklären. Es sind drei miteinander verknüpfte Elemente, die zu den Texten geführt haben, in denen Handke seine Sicht darlegt.

Von Lothar Struck

Zum einen sind es autobiographische Prägungen. Handkes Mutter gehörte der Minderheit der Kärntner Slowenen an. Geprägt wurde Handke vor allem durch den Großvater mütterlicherseits, der 1920 bei der Volksabstimmung über den Verbleib Südkärntens zu Österreich dezidiert für Jugoslawien gestimmt hatte.

Der zweite Aspekt ist der sprachkritische Impetus, mit dem Handke als Schriftsteller begann. Interessant ist hierzu der Aufsatz "Die Tautologien der Justiz" von 1969, in dem Handke als Gerichtsbeobachter Bagatellverfahren gegen Aktivisten der außerparlamentarischen Opposition (APO) in Berlin beobachtet. Er stellt fest, dass in den Fragen und Stellungnahmen von Richtern, Polizisten und Zeugen meist die Verurteilung des Angeklagten in der Sprache enthalten ist, sei es durch die Verwendung bestimmter Attribute oder einfach nur durch mehr oder weniger versteckte Schmähungen.

Dieses Verfahren wird er für seine Jugoslawien-Texte in Bezug auf Medien fast 30 Jahre später wieder anwenden und feststellen, dass die als Wahrheit deklarierten Aussagen mit Meinungssplittern kontaminiert und damit verdorben sind. Handke geht es nicht darum, umfassende Objektivität zu erreichen - das wird immer schwierig sein. Aber wenn die Meinung des Journalisten bereits in die Faktenbesprechung einfließt, wird diese nicht einmal angestrebt. Dieses "journalistische Schreiben", das seine Urteile bereits getroffen hat und den Leser in seiner Urteilsfindung manipuliert, greift er massiv an.

Der dritte Aspekt ist politisch. Handke sah und sieht Jugoslawien als einziges Land, das sich fast alleine von der Nazi-Barbarei befreit hat. Das multiethnische Zusammensein ist für ihn ein Vorbild.

Handke hatte sich seit seinem Roman "Die Wiederholung" 1986 verstärkt mit Jugoslawien, der Geschichte seiner beiden im Krieg gefallenen Onkel und dem Kärntner Widerstand beschäftigt. 1991 verkündete er in der Erzählung "Abschied des Träumers vom Neunten Land" seine Ablehnung der Sezession Sloweniens, des Landes der Ahnen, warf der slowenischen Jugend Geschichtsvergessenheit vor und sich von westlichen Medien beeinflussen zu lassen. Das Buch überraschte die slowenischen Intellektuellen, die übersahen, dass Handkes "Arkadien" nur ein Slowenien in Jugoslawien war und nicht der einzelne Staat.

Mit "Gerechtigkeit für Serbien", der "Winterlichen Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina", verknüpfte Handke 1996 seine Medienkritik mit einem Reisebericht durch das verfemte und vom Westen mit einem Wirtschaftsboykott überzogene Serbien. Der Autor wird von nun an sprach- und medienkritische Analysen und Fragen mit eigener Anschauung und poetischer Reflexion verbinden.

Handke ist fassungslos über den auf allen Seiten ausgebrochenen Hass der Bevölkerungsgruppen. Seine Bücher, seine Interviews und seine Aktivitäten werden den politischen, literarischen und feuilletonistischen Diskurs insbesondere 1996, 1999 und 2006 (sein Besuch bei der Beerdigung Slobodan Milosevic') bestimmen und zu heftigen Auseinandersetzungen um das Spannungsfeld von Literatur und Politik im Allgemeinen und Peter Handkes politische und literarische Qualitäten im Besonderen führen, die zum Teil die Grenze zur Diffamierung des Autors als Schriftsteller und Person überschreiten.

Die Medien schlugen zurück. Gustav Seibt von der FAZ schrieb von Handke als wahnhaftem "Blut-und-Boden"-Dichter. Handkes Verdikte wiederum trafen auch andere Medien wie "Die Zeit" und französische und spanische Zeitungen.

Praktisch sofort standen sich die Fronten unversöhnlich gegenüber. Auf den Lesereisen 1996 wurden die Gräben sicht- und in teilweise tumultartigen Szenen hörbar. Zitate Handkes wurden dekontextualisiert. Sein Befragen der "Alleinschuld" Serbiens galt als Apostasie. Er sollte überführt werden. Obwohl er beispielsweise von Beginn an keinen Zweifel an dem Srebrenica-Massaker hegte, wurde ihm genau dies vorgeworfen, weil er als rhetorische Figur die Frage gestellt hatte.

1999 flammten die Diskussionen durch die Nato-Intervention wieder auf. Handke fuhr nach Serbien, berichtete davon. Er gab den Büchner-Preis zurück, weil die deutschen Schriftsteller nicht gegen die Nato-Bombardierungen, an denen auch Deutschland teilnahm, protestierten. Handke erinnerte an 1941, als Nazi-Deutschland Belgrad fast dem Erdboden gleichgemacht hat.

Vollends eskalierte die Situation, als Handke 2006 aus Wut und Trotz über ein Zitat im französischen Rundfunk an der Beerdigung Slobodan Milosevic' teilnahm. Für ihn war Milosevic der letzte Repräsentant des untergegangenen Jugoslawien, welches durch westliche Politik zerschlagen wurde.

Handke galt jetzt als Paria. Als die Stadt Düsseldorf ihm 2006 den Heinrich-Heine-Preis zusprach, brauste ein Proteststurm auf. Handke lehnte den Preis ab. Buchhandlungen verbannten seine Bücher. Stücke wurden abgesetzt. Einmal wehrt sich Handke gerichtlich, als eine französische Journalistin behauptete, er habe eine Rose am Grab abgelegt und die serbische Fahne geschwenkt. Das Gericht verurteilte ihr Blatt wegen Verleumdung.

Der Frieden, der nach Erzählungen wie "Die morawische Nacht" und dem dekorierten Partisanendrama "Immer noch Sturm" eingekehrt zu sein schien, brach jetzt durch den Nobelpreis mit neuer Heftigkeit aus. Hinzu kommen die Aktivitäten in den sozialen Netzwerken. Wie seinerzeit wird behauptet, Handke habe das Massaker von Srebrenica geleugnet. Das Gegenteil ist der Fall. Unterstellt wird ihm, proserbisch zu sein. Handke legte aber Wert darauf, "mit" den Serben zu sein. Es wird nicht einmal versucht, den Unterschied herauszuarbeiten. Die neue Qualität besteht darin, dass es Gruppen von Schriftstellern und Publizisten gibt, die die Vergabe des Preises verhindern wollen. Hierzu scheint fast alles recht zu sein. Man bezeichnet ihn einfach als "apologist of genocide". Ein solcher Vorwurf dürfte den Tatbestand der üblen Nachrede erfüllen.

In der aktuellen Hypererregung geht es längst nicht mehr um Literatur. Es geht um die Person Handke. Zweifellos hat dies schon Formen einer Treibjagd angenommen. Man kann dieser oder jener These in seinen Büchern durchaus kritisch gegenüber eingestellt sein, man mag den Begräbnisbesuch kritisieren, aber darum geht es längst nicht mehr. Meistens sind die Bücher gar nicht gelesen worden. Das Urteil fußt ungeprüft auf Sekundärtexten und dem Hörensagen.

Handkes Ablehnung der journalistischen Sprache bekommt dabei paradoxerweise ausgerechnet von den Journalisten ständig neue Nahrung. Warum sollte er sich mit Menschen über seine Bücher unterhalten, die diese nicht oder nur in Auszügen rezipiert haben?

Diese Flucht in das Jakobinertum selbstzufriedener Deutungswächter lässt vor allem eines erkennen: eine Furcht vor dem abweichenden Wort und dessen Wirkung.